AKTE 74 · EINTRAG 74-07 · VERFASSER E.R. · SEKTION XV
Ich zähle die Türen
Gestern waren es neunzehn Türen im Ostgang. Heute zwanzig. Ich habe zweimal nachgezählt. Zwanzig.
Ich zähle inzwischen alles. Die Türen im Ostgang. Die Akten in Regal neun. Die Schritte von der Treppe bis zu meinem Pult - es sind einundvierzig, es waren immer einundvierzig. Zählen ist das Einzige, was mir noch gehorcht.
Gestern neunzehn Türen. Heute zwanzig. Die zwanzigste steht dort, wo bis gestern die Wand war, am Ende des Gangs, und sie ist einen Spalt offen. Aus dem Spalt kommt kein Licht und keine Luft. Nur dieses Warten. Ich bin nicht hindurchgegangen. Ich bin nicht dumm. Aber ich weiß, dass sie morgen näher an mir dran sein wird.
Die versiegelten Akten liegen morgens anders, als ich sie abends verlassen habe. Ich versiegle sie neu. Am nächsten Tag ist das Wachs heil und die Akte trotzdem gewandert, zwei Regale weiter, immer in Richtung der zwanzigsten Tür. Als läse jemand sie, ohne sie zu berühren. Als läse die Stadt selbst mit.
Ich schreibe das auf, damit es jemand findet, der nach mir kommt. Falls jemand nach mir kommt. Führe es weiter - aber hör nicht auf zu zählen. Solange du zählst, merkst du sofort, wenn etwas dazugekommen ist. Und es kommt jede Nacht etwas dazu.
- Archivistin E.R.